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Nike Pina

too much

 

0, Overkill an der Strasze

Deine Schuhe quietschen. Georg hält inne. Dann setzt er sich. Mitten auf den Gehweg. Er zieht die weiszen Sneaker einfach aus. Putzt! Sich die Nas. Hält inne erneut. Hält mir einen Vortrag. Dass das nicht auf jedem Belag wäre. Nicht auf dem, auf dem er am Morgen los ging..… mit den neuen Turnschuhen. Darf ich Dich Quietschi nennen. Ja.

Barfusz eine Weile: Am Springbrunnen setzt er sich erneut, hinter ihm die Statue eines goldenen Hirsches. Gleich eines Breakdancers dreht Georg sich auf dem Po einmal rundherum; schaut jetzt zum Wasser. Stippt mit einer Fuszspitze. Huch, das ruft er. Und rein. Mit Allem, was Fusz ist und mit Einigem, was eigentlich schon Hose ist. Aber macht nichts. Glucksend fragt er, holst Du die Waffeln? Ja.

Die heiszen Waffeln essen wir. Sie sind von einem Wagen, in dem ein Mann mit rotem Seersuckerjumpsuit und kurzen struppig braunen Haaren vegane Klitzekleinigkeiten verkauft. Mit Koriander gewürzten Schokoladenbruch gibt es und schwarze Johannisbeerbrause. Dick mit Zimtkrusten besetzte Oblaten stehen zum Mitnehmen parat. Wir kommen dafür manchmal her. Ich lache und eine Puderzuckerwolke stiebt aus meinem Mund.

Georgs Füsze, Georgs Beine. Paniert von Sand. Er lief nur ein Stück. Schon war das. Wir hatten vor, zu einer Ausstellung mit Bildern Frank Auerbachs zu gehen. Das müssen wir schieben. Weder paniert wollen wir hin, noch quietschend.

Du kannst die Schuhe reklamieren. Georg ist weit weg. Er fährt mit dem Rücken seiner Hand an meiner Schläfe entlang, setzt sodann einen Kuss auf den Zeigefinger. Tut ihn mir auf den Mund. Auch ich küsse Georgs Finger. Er tippt ihn sich erneut an die Lippen. Einem Mädchen, das den warmen Quarkauflauf mit Stachelbeerkompott vom Stand hat, fällt der Löffel runter, es murrt und ich tue es ihr nach, da das zu ihr blicken ein Bruch mit dem Moment ist – Georg beniest es.

Ich blicke ihn an, er ist sehr Georg gerade, ich werde von Glück erhascht. Wir sind ein Paar. Ich zerspringe gleich eines gläsern‘ Flummi und schaue Georgs dreckige Zehen an. Ob ich auch meine Schuhe ausziehe? Doch dann beschliesze ich, heute nur auf Georg noch achten zu wollen. Ich möchte den Boden nicht nach Scherben absuchen müssen. Das allein macht mich dann aber wach, ich achte doch auf den Boden; darauf, jeden Fusz bestimmt, gleichsam sanft aufzusetzen, und von mir geht etwas Friedliches aus, so finde ich das, und finde auch noch die eine oder andere Scherbe.

Im Gehen nehme ich mir Georg heran und küsse ihn mitten auf den Kopf. Er säuselt, ach Du, ich säusel, Du, ach, und wir bleiben abrupt stehen, blicken uns unverwandt an. Mit Puderzucker um die Münder.

Der tote Vogel, der sich vor uns auf dem Asphalt auftut, rückt uns nicht aus diesem kandierten Tag. Frau Elster, klage ich an, an eine Schallplatte aus der Kindheit erinnert. Herr Fuchs‘ und Frau Elsters Erlebnisse im Märchenwald, ich habe die DDR-Platte noch. In Elektromixen lege ich sie manchmal auf, das wirkt surreal. Irgendwie – monströs auch, und das mag ich. Georg rennt jetzt fast. Auf seinen der Schuhe baren Füszen. Ich tue es ihm nach und bemerke, wie lustig er aussieht, den Sand an seinen Füszen und Puderzucker überall. Als wir in der Tram sitzen, sehe ich eine bildschöne Frau mit langem zotteligschwarzen Haar, ich setze sie ins Jetzt. Ich sehe einen Bernhardiner, rücke ihn ins Nun und es akkumuliert sich, wird Resonanz, wird Overkill an der Fasanenstrasze Berlin. Ich kann das manchmal nicht aushalten, das Überschöne so Präsente. Ich habe das manchmal, wenn ich schreibe. Es ist dann so sehr ich, dass ich kurz überschnappe oder auch einfach nur genervt von mir bin.

 

1, Ultra Aster

Ich bin a_sexuell. Georg stellt die Wicken von Sassys Balkon in die pfirsichfarbene kugeln Vase. Er zupft dran herum. Weisz-rot gesprenkelt sind die Wicken. Ähnlich Kois. Auch Sterneküche sieht manchmal so aus. Wie sehe ich aus? Ich weisz das gar nicht, offenbare mein Gesicht jedoch Georg, es fängt sich in seinem Blick. Der ist ruhig.

Jaah. So nehme ich das auf. Ein einfaches Ja, ein langes, hergehaucht. Ich will das mit Dir sein, sage ich. Georg sagt, mit Dir – will ich das gar nicht! Ich könnte in einer platonischen Beziehung leben. Mit Dir aber will ich Sex. Ich hab den gerne. Ich habe Dich gerne. Nur wegen mir dann, frage ich. Nein. Sex tut sich manchmal auf, wenn wir zusammen sind. Am Punkt, an dem wir aufeinandertreffen, bricht er auf, wird gröszer, und wir kommen uns näher. Mehr Raum, aber wir rücken stärker zueinander? Genau. Es ist die Nähe das, was ich daran liebe. Und ich liebe Dich darin. Es ist so sehr du dann. So sehr wir.

Wir schenken uns Whiskey ein. Die Oblaten vom Stand haben wir zerpflückt und auf ein ausladendes Keramikblatt gelegt, es ist schwarzirisierend. Ich nehme mir ein Stück Bruch. Georgs Beine sind breit von sich, doch ist es nicht Manspreading. Die Knie sind nicht gebeugt, er beschreibt ein mit einer Seite auf dem Boden aufliegendes gleichschenkeliges Dreieck, seine Arschbacken am Äuszersten des Sofas. Ich habe das Gefühl einer Überrealität, will sie in Text übergehen lassen, gehe zum Esstisch. Den Whiskey nehme ich mit. Auf dem Weg streiche ich sacht über Georgs Haar. Ich schalte das Laptop ein, mein Freund legt sich auf die Couch. Er macht das Tingvall Trio mit Fernbedienung an, das ist Jazz, das ist warm. Furios! Auch. Die Platte In Concert eröffnet mit einem Song, der auch musikalisch einen Aufbruch beschreibt. Hjälten heiszt er. Mein Lieblingswerk des Albums ist Hajskraj. Es ist eine Einspielung, in der mensch das Stück immer hören wird, auch wenn gerade die Studioversion läuft. Ich schreibe von Blumen, schreibe von Astern. Korallegeknalle. Ich knüpfe einen Kranz. Kiefernzweige noch da rein. Ich setze das auf Georgs Kopf im Gedicht. Ich habe den Kranz nicht da, kann nicht zum echten Georg schreiten, sie ihm da drauf….. Ich mach das in Lyrik. Ich finde eine Klamotte toll? Vielleicht spare ich das Geld. Ich schreibe von ihr. Wir hören weiter Hjälten. Das ist an dieser Stelle brüchig geworden; nur, um kurz darauf wieder Aufbruch zu proklamieren und dann vorbei zu sein. Auch Georg nimmt sich sein Laptop, klappt es auf. Wir können uns über die Bildschirme ansehen. Machen das manchmal. Ohne was zu sagen machen wir das und aber früher dachte ich, es ist ja schön die Achtsamkeit. Doch ist sie nicht auch anstrengend?! Sie ist nein, es nicht immer. Es ist heute die Luft wie elektrisiert, gleich uns, und wir aber sind nicht aufgeregt, sondern gleichzeitig uns selbst und dem Anderen. Das geht, weil ich atme. Es ist manchmal anders, geht – nicht! Heute aber so. Nach dem Trio hören wir Leon Vynehall. Ambient in ganz genial. Ich will Sex mit Dir, ruft Georg in die an Musik dichte Atmosphäre. Wir beginnen eine Polonäse, das entspannt. Ich will Sex mit Dir, rufe auch ich, und so zotteln wir durch das Zimmer.

 

2, Unendlichkeiten im Kopf

In die Ausstellung gehen wir am nächsten Tag. Die Bilder Frank Auerbachs sind von viel Schönheit. Ich stehe vor einem Gemälde, fahre es mit den Augen ab. Ich kraxele auf ihm mit Wanderstöcken an denen Schaumstoffbatzen sind. Um die Enden, um die Farbe nicht zu zerkratzen. Und es gedeiht und sprieszt, flieszt ineinander wie die Moldau bei Bedřich Smetana. Ich denke nach jedem Bild, ich kann nicht mehr, weil der Eindruck aus ihm so horrend ist. Ein einziges Werk hätte der Exposition von mir aus gereicht.

Wir holen uns nochmal Waffeln. Trinken Roséwein. Georg prescht los, ich hatte viele Jahre keinen Sex, ich habe nichts vermisst. So bin ich, weiszt du. Wäre ich alleine, würde ich keinen haben. Nicht mit anderen. Nicht mit mir. Ich fand auch niemals einen Mann, den ich nicht kannte, erotisch. Ich verliebe mich in sie. Doch sie erregen mich erstmal nicht. Gut ist, ist da Kopf, so kann Körper entstehen. Doch muss es das nicht.

Wir rupfen ein paar Blumen vom Weg. Ich stecke sie mir hinters Ohr. Das ist mein Fetisch, sage ich. Das stimmt nicht, weisz Georg: Es sind frisch bezogene Betten an einem offenen Fenster. Es sind zwei Unendlichkeiten in unseren Köpfen, Deine und meine. Und wenn dort etwas deckungsgleich ist – die Gedanken kongruent sind, die Gefühle noch dazu – oder nur ein bisschen, nur ein wenig, so ist das eine Verschmelzung. Als Beispiele unsere Fetische. Ich mag Bergwiesen. Ist das nicht ein bisschen so?

 

,,too much” ist in Anlehnung an den Roman ,,T” der Autorin entstanden.


Nike Pina (sie/ ihr) war jahrelang Journalistin in Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern, bevor sie ein Einbruch ihrer Krankheit, die paranoide Schizophrenie, zum Niederlegen dieser Arbeit zwang. Seitdem schreibt sie Kurzprosa und Lyrik: 2022 unter dem Realnamen Dana Dolata auch der Roman ,„T“ im Textem Verlag. Nike Pina lebt in Nordwestmecklenburg.