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Der Katalog
by Vincent Schier

Veröffentlicht wurde der Katalog 1979. Das zugehörige Ausstellungsprojekt war bedeutend, denn es näherte sich seinem Thema auf eine zuvor nicht dagewesene Weise. Das von den KuratorInnen für den Katalog verfasste, mehrseitige Vorwort lässt Rückschlüsse auf deren Arbeitsweise zu und verweist auf gesellschaftliche und politische Fragen seiner Zeit. Der Katalog beinhaltet Ausstellungsansichten, die heute nicht mehr auffindbar sind und ist, da er in einer niedrigen Auflage gedruckt wurde, vergriffen.

Diesen fiktiven Katalog habe ich während meiner niemals stattgefundenen Vorbereitungen zu einer von niemandem geplanten Ausstellung und im Zuge meiner Recherchen in einem nicht existierenden Archiv entdeckt. Außer dem Dilemma, das sich anhand dieser Fiktion aufzeigen lässt, ist an diesem Beispiel also nichts real.

Das Ausstellen von Archiven – oder dessen, was einmal ein Archiv werden könnte –  hat im zeitgenössischen Kunstbetrieb gerade Konjunktur. Sammlungen, Archive, Nachlässe, alles findet seinen Weg in den Ausstellungsraum und wird von KünstlerInnen, KuratorInnen, HistorikerInnen und Institutionen gleichermaßen als Inspiration, Quelle und Forschungsgegenstand wahrgenommen. Das Problem jedoch, das sich aus der Arbeit in Archiven ergibt, ist immer das gleiche: Archive und deren Inhalte bilden ein Netzwerk aus unbeantworteten Fragen.

Dieses Problem lässt sich anhand des eben beschriebenen und nicht realen Kataloges aufzeigen, dessen Existenz nur für diesen Text wichtig aber dienlich ist, um Fragen an das Ausstellen von Archiven und Archivmaterialien zu stellen.

Zunächst ist der Katalog ein Objekt, ein Archivmaterial, das in eine Ausstellung integriert werden soll. So weit so gut. Wie anfangs aber erwähnt, lassen sich schon anhand dieses einen Objektes zahlreiche Erzählstränge identifizieren, was im Übrigen auch für jeden weiteren möglichen Ausstellungsgegenstand gilt – das Netzwerk aus Fragen und Erzählungen verdichtete sich und wird zu einer undurchsichtigen Membran, auf der sich die KuratorInnen vor Archivausstellungen bewegen und versuchen, sie an einigen Stellen zu durchstechen um zu zeigen, was im Verborgenen liegt.

Wo aber ist nun der Katalog einzuordnen?

Selbstverständlich kann er als eben solcher, als Objekt, ausgestellt werden. Die Aussage: Es gab 1979 einen Katalog zu einer Ausstellung.

Verloren geht der Inhalt, der zeitgeschichtliche Kontext, die Ästhetik. Ummantelt von Begleittexten wird versucht, den Katalog zu kontextualisieren um ihn seiner inhaltlichen Bedeutung nicht zu berauben. Das Netzwerk aus möglichen Fragen an den Katalog wird im Rauschen der Didaktik geschluckt, mögliche  Betrachtungsweisen durch overexplaining eingeschränkt.

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Ebenso bedeutend wie der Katalog selbst ist möglicherweise das Vorwort, das die MacherInnen verfasst haben und welches das Ausstellungskonzept, die kuratorische Herangehensweise an das Ausstellungsprojekt und die Zusammenarbeit der KuratorInnen beschreibt. Davon ausgehend, dass es sich bei dem Katalog um ein Ausstellungsstück handelt, welches für Interessierte nicht frei zugänglich ist, ist das erste Problem, dass das Vorwort mehr als zwei Seiten hat und demnach nicht einfach aufgeschlagen werden kann. Zurückgegriffen werden muss also auf mehrseitige Reproduktionen, die Haptik des Originals geht verloren, der Katalog wird zu einer leeren Hülle und auf seine reine Objekthaftigkeit reduziert. Da das Vorwort jedoch nicht ohne Ausstellungsansichten auskommt, geschweige denn ohne die Nennung der VerfasserInnen und deren Hintergründe werden auch diese reproduziert und die Präsentation wird zu einer Materialschlacht. Das Vorwort und dessen Inhalt versinken in einem Strudel aus Begleitmaterial, die Worte verlieren sich in der Vielstimmigkeit, der Inhalt sowieso.

Um sich dem Inhalt des Katalogs visuell zu nähern entscheidet man sich also dafür, die enthaltenen Ausstellungsansichten zu zeigen. Sichtbar werden die Ausstellungsästhetik, die künstlerischen Beiträge, die kuratorischen Raumstrategien – wichtige Säulen eines jeden Ausstellungsprojektes. Verloren geht jedoch der Mehrwert den der Katalog bietet: die Texte, die Stimme der KuratorInnen, die Ästhetik. Um das zu umgehen, entscheidet man sich den Katalog zu reproduzieren und als Faksimile gemeinsam mit den Ausstellungsansichten auszulegen – das Dilemma der Informationsdichte,  das man selbst nicht lösen konnte, wird anderen überlassen. Das Netzwerk aus Fragen wird weitergegeben und die Antworten bleiben weiter unbeantwortet. Übrig bleiben eine Ausstellung, das Archiv und dessen Inhalte, in diesem Fall beispielsweise ein nicht existierender Katalog von 1979. 

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